Mehr Mensch als Person – leben aus der Wirklichkeit heraus

Im Grunde gibt es 2 Wirklichkeiten in uns.

Die eine Wirklichkeit ist die Wirklichkeit die wir mit unserem Denken und unseren Emotionen verbinden, also unserer Identifikation mit unserer Person. Üblicherweise also alles was wir normaler Weise mit unserem Ich verbinden. Eine Identität die sich fast ausschließlich aus Vergangenem nährt und sich auf Vergangenes bezieht.

Die Welt wird aus dieser Identifikation nicht mehr wahrgenommen wie sie tatsächlich ist, sondern vielmehr durch unsere Brille der „alten Gedanken“ und alten „Erlebensmuster“. Aus der Neurowissenschaft wissen wir heute, daß bei den meisten Menschen ab ca. 35 Jahren die Wahrnehmung der Wirklichkeit auf 5% und weniger eingeschränkt ist. Damit wird die reale Wirklichkeit nur noch am Rande wahrgenommen. Was fast ausschließlich wahrgenommen wird ist die innere subjektive Wirklichkeit, die fast zu 100% auf den Alterfahrungen und sich immer wiederholenden Altgedanken beruht.

Mit fortschreitemdem Alter reduziert sich die Offenheit für die äussere Wirklichkeit in der Regel immer mehr. Es tritt nach und nach eine Starre ein, die nur noch Vergangenheit repräsentiert.

Was ist Vergangenheit aus Gedanken und Erlebensmustern genau genommen. Lediglich virtuelles Leben, fast ganz ohne Leben an sich. Um was es diesem „virtuellen“ Leben geht ist der Erhalt einer alten Illusion.

Die andere Wirklichkeit ist die Wirklichkeit der Aussenwelt- denn Wirklichkeit ist das, was tatsächlich ist und existiert und nicht nur in Phantasie oder Vorstellung vorkommt. Also alles was jenseits von Vorstellung, Interpretation, Glaubenssätzen, Gedanken, Meinungen, Glauben und individuellen Erlebensmustern stattfindet.

Lebendigkeit entsteht immer da, wo die innere Wirklichkeit durch die äussere Wirklichkeit angeregt wird. Dies kann nur geschehen, wenn wir die äussere Wirklichkeit möglichst wenig subjektiv wahrnehmen. Dann entsteht ein großes Maß an Interaktion. Diese belebt unser Leben. Lebendigkeit ist Interaktion zwischen innen und aussen. Lebendigkeit ist Beziehung zum Leben. Leben findet mit Menschen, Dingen, Tieren, der Natur statt.

Wie kommt es daß wir uns zu sehr in einer verfestigten inneren Wirklichkeit verfangen und im Alter damit mehr und mehr „versteinern“. Es ist vor allem die Illusion unserer Person und die damit verbundenen Filter mit der wir die Welt sehen.

Diese an sich „virtuelle Person“ versucht sich selbst zu erhalten. Da dieser Teil um sein Ende weiss – um die Auslöschung in der Stunde des Sterbens in diesem Leben … hat dieser Teil eine enorme Angst vor dieser unumgänglichen Auslöschung.

Da der Körper sich laufend erneuert – also fortwährend stirbt und wieder entsteht – ist es nur diese virtuelle Person die sterben nicht gewohnt ist, unsere vergangenen Erinnerungen die uns Angst einjagen.

Nun stellt sich die Frage, wozu ist das Leben da? Gibt es einen universellen Lebenssinn? Was ist mein spezieller Sinn?

Wenn Denken und Emotionen Vergangenheit sind und uns zu einem tiefen Lebenssinn nicht führen können, wie komme ich dann dahin? Suchen wir vielleicht am falschen Ort? Oder suchen wir vielleicht sogar mit der falschen „Person“. Das Virtuelle kann nicht das reale finden.

Was sind wir hinter unseren Gedanken und Erlebensmustern. Gibt es da noch was – was Grundlegenderes? Gibt es eine Instanz in uns die sowohl Gedanken – also das Denken – beobachten kann also auch unsere Emotionen (Erlebensmuster)?

Sind wir ganz und gar mit unseren Gedanken und Emotionen identifiziert … so scheint es als ob wir unsere Gedanken und Emotionen sind. Schaffen wir es, unsere Achtsamkeit (Aufmerksamkeit, Bewusstsein) so zu lenken, daß wir erst auf unsere Gedanken und dann vielleicht auch auf unsere Emotionen blicken können ohne damit identifiziert zu sein, so ensteht nach und nach eine Lücke. Durch diese Lücke wird klar und offensichtlich, daß das was uns tief in uns ausmacht nicht unsere Gedanken und Emotionen sind, sondern das wahrnehmende Selbst.

Was ist das wahrnehmende Selbst? Für unsere Person mit Ihren Gedanken und Emotionen ist das bewusste Wahrnehmende in einem so hohen Maß befremdlich, daß dieser Teil eine hohe Furcht oder Angst erzeugt – um sich in Hingabe nicht zu verlieren. Denn eines ist sicher, das Denken und unsere Emotionen können nicht in diesen Bereich vordringen oder verstehen. Damit fühlt es sich an als ob wir uns verlieren. Was sich aber lediglich darin verlieren kann sind nicht wir – was uns zu tiefst ausmacht – sondern unsere scheinbare Person mit Ihren Gedanken und Emotionen.

Was würde passieren wenn wir unsere Gedanken und Emotionen – also das Vergangene – zu gunsten der wirklich existierenden Wirklichkeit im Moment, für einige Momente oder einige Zeit verlieren würden? Wir würden die Welt in jedem Augenblick frisch und uninterpretiert wahrnehmen. Es ist nicht vorstellbar – mit unserem Denken – aber wir würden in eine Wirklichkeit eintauchen, die kein Drama, keine Angst und keine Belastungen mit sich führen würde. Es würde eine unsagbare Befreiung eintreten. Was dafür nötig ist, ist ein Loslassen in den Moment hinein – die Hingabe in unserer tieferes, wirklicheres Sein. Wenn wir dieses uns Hingeben nicht gewohnt sind, fühlt es sich wie ein sich Verlieren oder für manch einen fast wie ein sich Auflösen oder Sterben an. Geben wir den nur virtuellen Halt der „virtuellen Person“ für einen Moment auf und erlauben uns somit haltlos zu sein, tritt die Kraft unser tiefsten Ebene zu Tage.

Ganz wesentlich um zu verstehen ist:

  • es ist nicht unsere Person, die die Augenblicke von innerer Freiheit und Bewusstsein erfahren kann
  • Innere Freiheit und freies Bewusstsein ist unser tiefstes Selbst, in welches sich dann ein neues freieres Denken mit viel tieferer Intuition einfügen kann

Daher kann uns eine Form niemals wirklich in einen freien Zustand führen. Sie kann uns nur helfen die dunklen Wände unser Person durchscheinender zu machen. Wahrlich frei können wir hingegen nicht in oder mit Übungen werden, sondern nur in der Hingabe in unsere tiefste Ebene.

Einige von uns haben die Vorstellung, daß der Schleier sich im Rahmen einer plötzlichen Erleuchtung lichten kann. Meiner Meinung und Erfahrung nach ist es aber eher ein andauernder Prozess welcher in Schritten abläuft und sicherlich in diesem Leben nicht enden muss. Würde man diesen Prozess in Phasen aufteilen, so könnten diese wie folgt sein:

  • Erfahrungen die eine Frage über die eigene „virtuelle Person“ aufwerfen. Dies können Begegnungen, Erlebnisse oder oft auch Krisen sein.
  • Auf der Ebene von Wissen oder Austausch mehr über die tiefere Ebene erfahren.
  • Eigenes Ergründen oder Workshops zum Thema
  • Übungen als Hilfsmittel Lücken im Denken und den Emotionen zu entwickeln
  • Im Alltag mehr und mehr Bewusstheit mit einbinden, sich ausprobieren, sich erfahren und daran sich wachsen zu lassen

Alles was wir direkt oder indirekt über Wünsche, Ängste oder Befürchtungen erdenken, neigt dazu einzutreten. Die Ebene die dabei die Geschehnisse hervorbringt ist nicht das was wir denken, sonder vielmehr all das was wir fühlen. Daß ist natürlich nicht mit dem Verstand zu verstehen. Da wir unser Sein auch durch unsere offenen oder verdeckten Ängste und Befürchungen definieren, ist es sinnvoll unsere Ängste loszulassen.

 

 

Die 5 Freiheiten -nach Virgina Satir

  1. Die Freiheit zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist – statt dass was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
  2. Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke – und nicht dass, was von mir erwartet wird
  3. Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen – und nicht etwas anderes vorzutäuschen
  4. Die Freiheit um das zu bitten was ich brauche – anstatt immer erst um Erlaubnis zu bitten
  5. Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken auf uns zu nehmen – statt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts neues zu wagen